Was ist das Besondere an der Gestalttherapie?

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Vortrag vom 17.05.2012 – HIGW Tag

In der Gestalttherapie wurden bisher viele Referenztheorien bemüht. Dabei wurden u.a. Elemente des tiefenpsychologischen Denkens unreflektiert in die Begründungvon gestalttherapeutischen Vorgehensweisen oder Interventionen übernommen. Nach meiner Meinung schadet es der Theorieentwicklung der Gestalttherapie. Deshalb ist es mir wichtig, an dieser Stelle einige grundlegende Gedanken, Konzepte und Prinzipien der Gestalttherapie zu benennen. Dabei geht es mir nicht so sehr um eine Abgrenzung zur Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie, sondern um den Blick für gestalttherapeutische Vorgehensweisen zu schärfen. Die erkenntnistheoretische Grundlage der Gestalttherapie ist die Phänomenologie. Deshalb halte ich es für besonders wichtig, die phänomenologische Betrachtungsweise für Theorie und Praxis weiterzuentwickeln, damit Gestalttherapie ein in sich konsistentes Therapieverfahren mit Bezug auf einer Erkenntnistheorie miteigenem Profil bleibt.

1. Gestalttherapie ist ein weg von der statistischen Erfassung naturwissenschaftlichen Prognosen als objektives Ergebnis – hin zu einem phänomenologischen Beschreiben des unmittelbaren Erlebens als subjektive Wirklichkeit.
Fritz Perls kritisierte die experimentellen Psychologen und die Vorgehensweisen der Naturwissenschaften, weil sie reduktionistisch, analytisch und kausal statt holistisch argumentieren. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied; denn Gestalttherapeuten beschreiben subjektive Erfahrungen in der Gegenwart. Die Vorgehensweise ist phänomenologisch. Sie führt zu unmittelbar evidenten Erfahrungen und Betroffenheit. Sie ist jeweils einzigartig und subjektiv für jede Person. Es gibt keine Wiederholung. Diese Art zu denken und zu formulieren wird als nicht objektiv und damit unwissenschaftlich abgetan. Dabei ist die subjektive Erfahrung die erlebte Wirklichkeit der Person. Die statistische Wahrscheinlichkeit bleibt ein Mittelwert und ist daher untauglich, persönliche Befindlichkeiten zu beschreiben. Gestalttherapie stellt sich damit gegen statistische Erfassungen und naturwissenschaftlichen Prognosen und geht über zu einem phänomenologischen Beschreiben die das unmittelbaren Erlebens als subjektive Wirklichkeit ermöglicht. Was kann das Ziel von Gestalttherapie für die Menschen sein, die in die Therapie kommen.

Natürlich geht es auch um die Behandlung von Störungen, Schmerzen, die sich als Symptome bemerkbar machen. Die Veränderung oder Beseitigung dieser Symptome sind häufig die Eintrittskarte für eine Psychotherapie.

Letztlich geht es um Bewusstheit, um in seiner Lebenswelt zu recht zu kommen, die Bereitschaft mit emotionalen Glück und emotionalen Leiden verantwortlich umzugehen und zu teilen, in Beziehung zu treten und für sich und mit anderen einen Sinn im Leben zu finden.

„Gestalttherapie ist eine existentiell-phänomenologische Methode und als solche erfahrungsgegründet und experimentiell“ (Lore Perls, 1). Sie ist ein weg von der analytischen Methode, konstruierten Modellen, Deutungen und Statistiken.
Das heißt, für die Beschreibung und Erklärung der persönlichen Entwicklung bedient sich die Gestalttherapie der Phänomenologie. Die Phänomenologie ermöglicht Beschreibungen, der unmittelbaren Erfahrung. Sie ist nicht auf konstruierte Theorien und Interpretationen begründet, wie alle tiefenpsychologischen Konstruktionen. Die persönliche Auseinandersetzung geschieht experimentell und wird damit zu einer existentiellen Erfahrung.

Gestalttherapie ist keine Sammlung von Techniken. Wenn z. B. in Workshops oder auch in Therapien so genannte „Gestalttechniken“ angewendet werden oder wenn z. B. gemalt wird, die Technik des leeren Stuhls benutzt wird, findet damit noch keine Gestalttherapie statt. Gestalttherapie wird es erst durch die am persönlichen Prozess orientierte Anwendung von adäquaten Experimenten mit der Haltung und Einbindung ins theoretische Konzept der Gestalttherapie.

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