Wie komme ich zur Neuen Phänomenologie?

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Die Gestalttherapie basiert erkenntnistheoretisch unbestritten auf der Theorie der Phänomenologie. Darauf weisen alle Autoren hin, die sich theoretisch mit Gestalttherapie auseinandersetzen.Der phänomenologische Blickwinkel ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zur tiefenpsychologischen (analytischen) oder verhaltenstherapeutischen Vorgehensweise. Um so erstaunlicher ist es, dass es kaum eine ernsthafte theoretische Weiterentwicklung der Phänomenologie im Rahmen der Gestalttherapie in Deutschland gibt. Neuere Entwicklungen in der Phänomenologie wurden bisher wenig oder gar nicht beachtet.

Selbst neuere Veröffentlichungen zur Gestalttherapie beschreiben lediglich das Verständnis der Husserlschen Phänomenologie (siehe Votsmeier-Röhr/Wulf 2017, Flemig-Crocker 2017) ohne die neuen Erkenntnisse in der Phänomenologie einzubeziehen. Deshalb halte ich es für angemessen, die neuen phänomenologischen Betrachtungsweisen für die Theorie und Praxis der Gestalttherapie darzustellen und weiterzuentwickeln.

Bei dem Bemühen die Gestalttherapie auf eine fundierte phänomenologische Grundlage zu stellen, halte ich es für notwendig, die Erkenntnisse von Merleau-Ponty, Fuchs, Böhme und besonders von Hermann Schmitz einzubeziehen. Hermann Schmitz, der seine Neue Phänomenologie seit Anfang 1960 entwickelt hat, wurde von zwei Gestalttherapeuten, dem Psychiater HermannGausebeck und dem Diplom Psychologen Gerhard Risch, in den80 er Jahre an der Universität Kiel für die Gestalttherapie entdeckt. Aus der Auseinandersetzung mit der Neuen Phänomenologie entstand 1989 das Buch: „Leib und Gefühl, Materialien zu einer philosophischen Therapeutik“, wo beide als Herausgeber fungieren.

Sein Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung. Hermann Schmitz

Parallel dazu entstand eine Arbeitsgruppe, die unter Leitung von Hermann Schmitz, die Theorie in die therapeutische Praxis übersetzte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus einer Supervisionsgruppe. Bei allen therapeutischen und pädagogischen Fragestellungen, aber auch bei Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenien erwiesen sich die Sichtweisen der Neuen Phänomenologie als besonders hilfreich und praxisrelevant. In der Gestalttherapie wurden bisher verschiedene Referenztheorien bemüht. Dabei wurden u.a. Elemente des tiefenpsychologischen Denkens oder des Konstruktivismus bemüht, um gestalttherapeutischen Vorgehensweisen oder Interventionen zu begründen. Nach meiner Meinung schadet dies der Theorieentwicklung der Gestalttherapie. Dabei geht es mir nicht um eine Abgrenzung zur Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie, sondern um die Schärfung der phänomenologischen Theorie und um die praktischen Vorgehensweisen phänomenologisch differenzierter zu begründen. Nach mehrjähriger Auseinandersetzung mit der Neuen Phänomenologie und supervidierte Praxis unter Leitung von Hermann Schmitz, habe ich den Mut die phänomenologische Basis der Gestalttherapie mit der Neue Phänomenologie zu differenzieren und zu ergänzen.

Beiträge zur Neuen Phänomenologie finden Sie hier

 

Hermann Schmitz im Gespräch

 

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